12. März, 2014

Systemgesetze

Systemgesetze

Wenn wir von einem System sprechen, dann meinen wir an dieser Stelle eine Gruppe von Menschen, die zu einander in Beziehung stehen.

Die Systemgesetze sind menschliche Grundbedürfnisse und Verletzungen dieser Grundbedürfnisse wirken innerhalb menschlicher Systeme wie Familien, Organisationen, Unternehmen oder Staaten häufig unbewusst. Die Wirkung von etwaigen Verletzungen auf der Ebene der Systemgesetze spürt der Einzelne durch ein Gefühl fehlender Energie, als Wut, Trauer, Last, Erschöpfung u.v.m.
Systemgesetzverletzungen können sich bspw. in der Persönlichkeit der Vorfahren und Veränderungen, bedingt durch einschneidende Erlebnisse, zeigen.  Diese Veränderungen, bspw. aufgrund von Kriegserlebnissen, können wiederum die Nachkommen prägen. Traumata und emotionale Verletzungen können an Kinder, Enkel, Urenkel weitergegeben werden.

Ist ein Familiensystem in Ordnung, gibt es also keine Systemgesetzverletzungen, dann ist das ganze System motiviert, die Beziehungen stimmen und jeder einzelne fühlt sich gestärkt und unterstützt.

Konflikt & Lösungsebenen

Konflikt & Lösungsebenen

Unsere Grundannahme ist, dass alle Beteiligten innerhalb eines Systems nach ihrem besten Wissen und Gewissen agieren und reagieren. Entstehen Konflikte, dann liegen in den meisten Fällen Systemgesetzverletzungen vor, die, wenn Sie aufgelöst werden, zu einer gestärkten Persönlichkeit führen. Systemgesetze sind Jahrtausende alt und wirken immer, egal ob wir sie kennen oder nicht. Werden die Systemgesetze verletzt, egal ob im privaten oder beruflichen Kontext, kann es negative Auswirkungen geben. Werden Sie eingehalten, leben Menschen harmonisch und verantwortungsvoll miteinander.

Im Familienkontext äußert sich die Missachtung von Systemgesetzen in Ehekrisen, Paarkonflikten oder Konflikten mit Kindern.

Mögliche Folgen von Systemgesetzverletzungen

    • Gefühlskälte
      Menschen gehen an ihre körperlichen Grenzen (Marathon, Triatlon, Workaholics), da sie diese nicht wahrnehmen
    • Süchte
      Alkohol, Tabletten, Spielsucht etc. um Gefühle wie Angst, Trauer, Last oder Leid bewältigen zu können
    • Wutausbrüche
      Unkontrollierte Aggressionen
    • Gesundheitliche Folgen
      Bluthochdruck, Depression, Burnout, Autoimmunerkrankung, Muskel-Verspannungen, Migräne, Gelenkprobleme etc.

Um zu veranschaulichen, welche Systemgesetze es gibt, stellen wir Ihnen diese im Folgenden anhand einiger Beispiele vor.

Falls Sie nach dem Lesen erkennen, dass Sie Handlungsbedarf haben, unterstützen wir Sie gerne im Umgang mit den Systemgesetzen und bei der Auflösung von Systemgesetzverletzungen.

Allgemein:
Jeder sollte sich in seiner Familie zugehörig fühlen. In der Familie sollte darauf geachtet werden, dass niemand ausgeschlossen wird. Auch Verstorbene haben ihren Platz. Die Anerkennung des gesamten Familiensystems einschließlich der Vorfahren stärkt das System und damit jeden Einzelnen.
Verletzungen können entstehen durch:
Kriegsgefangenschaft, Tod (im Krieg, durch Krankheit o.a.), keine Beachtung, übergehen, links liegen lassen, Erwartungen nicht aussprechen, über Dritte reden, petzen, Mobbing, fremd Gehen, zu spät kommen, keine Zeit haben
Allgemein:
Jeder Mensch wünscht sich ein gewisses Maß an Anerkennung und Wertschätzung. Lob, Feedback, Zeit haben für Beziehungen, Danke sagen können, Gesichtswahrung, Statuseinhaltung, Pünktlichkeit…
Verletzungen können entstehen durch:
Missachtung, Respektlosigkeit, Kritik, Degradierung, zu spät kommen, „Du bist…“-Aussagen
Allgemein:
Hier geht es um empfundene Ungerechtigkeiten und den Ausgleich zwischen Geben und Nehmen.
Wenn bspw. der ältere Sohn den Hof erbt, obwohl der jüngere mehr Zeit und Energie in den Hof investiert hat, kann es sein, dass der Jüngere dies als große Ungerechtigkeit empfindet und daraus eine Systemgesetzverletzung resultiert.
Verletzungen können entstehen durch:
Empfundene Ungerechtigkeit, andere bekommen mehr (Neid), fehlender Ausgleich, ungerecht empfundener Ausgleich bei Schmerzensgeld, Unterhalt, Rente, Gehalt…
Weitere Beispiele:
Beruf:
Sie arbeiten seit Jahren erfolgreich in einem Unternehmen. Die Planzahlen, die Sie zu erfüllen haben, steigen jedes Jahr. Sie erfüllen diese, haben auch evtl. eine Prämie bekommen, Ihr Vorgesetzter sagt, sie seien „sein bester Mann“, nur auf Ihrem Gehaltskonto hat sich schon lange nichts mehr getan und die regelmäßig eingeforderten Überstunden werden schon lange als selbstverständlich erachtet. Langsam fangen Sie unbewusst an, Ihr Engagement zurückzuschrauben, da Sie das Gefühl beschleicht, dass es hier kein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen mehr gibt…
Privat:
Sie sind bei Freunden zum Essen eingeladen und bringen der Gastgeberin ein paar Blümchen mit. Damit schaffen Sie einen Ausgleich für die Einladung. Dieser Ausgleich ist ein gefühlsmäßiger Ausgleich. Im vorliegenden Fall geht es um eine kleine Anerkennung und Wertschätzung für die Gastgeberin. Es geht nicht um einen wertmäßigen Ausgleich.
Allgemein:
Früher vor später meint in einem System das Senioritätsprinzip, nach dem, das, was die schon länger dem System zugehörigen Personen geleistet haben, zu würdigen ist. Hier geht es nicht um das Alter der betreffenden Person, sondern um die Dauer der Zugehörigkeit zum System.
Wenn Sie in der Schlage der Bäckerei beim Brötchenkauf stehen, erwarten Sie vermutlich, vor der Person hinter Ihnen, die wenige Minuten später eingetroffen ist, bedient zu werden. Oder? Sollte die andere Person sich vordrängeln, macht Ihnen das ein Gefühl, denn dann wird „früher vor später“ verletzt. 
Verletzungen können entstehen durch:
Vordrängeln, vorgezogen werden, das Alte zerstören.
Wenn diese Verletzungen vorliegen, dann sind auch die Systemgesetze 1 bis 3 verletzt.
Hier noch einige Beispiele:
Beruf:
Ein seit 3 Jahren im Unternehmen arbeitender Abteilungsleiter soll zum Bereichsleiter befördert werden. Die Geschäftsführung verpasst es jedoch, eine andere Abteilungsleiterin, die schon 10 Jahre im Unternehmen ist und eine ähnliche Qualifikation hat, vorher anzusprechen. Durch dieses Versäumnis hat die Abteilungsleiterin den Eindruck, dass Ihre Leistungen im Unternehmen nicht anerkannt werden. Außerdem wurde sie nicht gefragt, ob es für sie in Ordnung wäre, wenn der Abteilungsleiter mit der geringeren Unternehmenszugehörigkeit die Position bekommt. Beim Übergehen der Mitarbeiterin mit der längeren Unternehmenszugehörigkeit kann es zu Demotivation und ebenso zu Spannungen zwischen ihr und dem neuen Vorgesetzten kommen.
Beruf / Unternehmensnachfolge:
Ein Unternehmer führt sein vor 30 Jahren gegründetes Unternehmen und will es jetzt in die nächste Generation übergeben. Um sich zu qualifizieren und sich für die Position vorzubereiten, hat der Sohn erfolgreich sein Studium mit diversen Praktika abgeschlossen.
Fatal ist es, wenn er sich nun ins „gemachte Nest“ setzt, ohne die langjährigen Mitarbeiter und das, was diese für das Unternehmen geleistet haben, anzuerkennen und zu würdigen. Auch wenn der neue Firmen-Chef eine höhere Verantwortung und Kompetenz trägt, muss er das „Früher vor Später“ achten und es muss bei den Mitarbeitern ankommen, damit er Akzeptanz im Unternehmen gewinnt. Wir nennen das auch Führen von der letzten Position aus, da der neue Chef als Letzter ins System gekommen ist.
Erst wenn alle Gesetze eingehalten werden, kann der Firmengründer mit einem stimmigen Gefühl das Unternehmen ver- und loslassen.
Privat:
Eltern vor Kindern
Privat:
Vater bzw. Mutter vor neuen Lebenspartnern nach Trennung, Scheidung oder Tod.Verein:
Wenn in einem Verein aus dem Kreis der Vorstandsmitglieder ein neuer Vorsitzender zur Wahl aufgestellt werden soll, dann gilt wie im Unternehmen, dass derjenige, der am längsten im Vorstand ist, Vorrang vor den anderen Vorstandsmitgliedern hat. Falls ein Vorstandsmitglied, dass nicht so lange im Vorstand ist, vorgeschlagen werden soll, dann muss erst mit dem länger im Vorstand befindlichen Mitglied gesprochen werden (Systemgesetz 9) und erst wenn das langjährige Vorstandsmitglied uneingeschränkt seinen Verzicht auf den Vorsitz erklärt, ist der Weg frei für die Wahl des neuen Vorstandsvorsitzenden.
Allgemein:
Wer in einem System mehr Verantwortung trägt (oft aus einer Rolle, wie Elternteil oder Führungskraft heraus), der hat Vorrang vor denjenigen Systemmitgliedern, die weniger Verantwortung tragen. Das heißt in einer Familie, dass die Eltern das gefühlsmäßige Recht haben, Entscheidungen für die Familie zu treffen und eine Führungskraft den Wünschen der Mitarbeiter nicht folgen muss.
Sollte die 15-jährige Tochter bspw. nicht, wie mit den Eltern vereinbart, um 23 Uhr nach der Party wieder zuhause sein, verstößt sie damit gegen dieses Systemgesetz. Das gleiche gilt für einen Mitarbeiter, der sich nicht an die Weisungen seiner Vorgesetzten hält.
Allgemein:
Ein Kind hat ein anderes Kind anzuerkennen, wenn dieses über mehr Kompetenzen oder Wissen verfügt.
Ein kompetentes Kind hat jedoch seine Eltern anzuerkennen, auch wenn diese weniger Fachkompetenz haben (z.B. Internet, PC), jedoch mehr Verantwortung tragen. Systemgesetz 5 steht vor 6.  Die Eltern haben andere Aufgaben und brauchen dadurch andere Kompetenzen wie z.B. Führungskompetenzen. Wenn Kinder ihre Eltern nicht als solche anerkennen, werden diese wiederum die Kinder nicht anerkennen.
Weitere Beispiele:
In einem Familiensystem mit einem neuen Partner kann es sein, dass der neue Partner mehr und mehr die Kindererziehung übernimmt, weil sie/er mehr Wissen/Kompetenzen hat. Dennoch liegt die Verantwortung bei Vater bzw. Mutter. Auch hier gilt Systemgesetz 4 vor 5 vor 6.
Privat:
Werden zwei Familien mit jeweils Kindern aus früheren Beziehungen zusammengeführt, dann entsteht ein neues System, das Vorrang hat vor dem alten System. Erst wenn die Systemgesetze 1 bis 6 berücksichtigt werden, hat das neue Familiengebilde eine Chance.
Weitere Beispiele:
Ein Paar heiratet und gründet eine Familie. Nun besteht das System aus Großeltern, Eltern und zwei Enkel-Kindern. Angenommen alle leben in der Zeit des dreißigjährigen Krieges unter einem Dach, dann ginge es darum, dem Hungertod zu entrinnen. Es würde folgendes passieren, sofern die Systemgesetze eingehalten werden: Die Großeltern würden sich freiwillig opfern, damit der Rest der Familie überleben kann. Das geht aber nur, wenn die jüngeren die „Alten“ ins Familien-System einbezogen und wertgeschätzt haben sowie das Gleichgewicht von Geben und Nehmen und das Früher vor später anerkannt haben und diese Haltung der Kinder und Kindeskinder bei den Großeltern ankommt. Nur wenn das so ist, hat das neue System Vorrang vor dem alten, weil die Großeltern es so entschieden haben. Nur wenn alle Systemgesetze 1 – 7 eingehalten werden, würden sich die Großeltern für das neue System opfern.
Allgemein:
In einem Familienverbund würde in einer Hungersnot das jüngste Kind geopfert werden, um die Überlebenschancen der ganzen Familie zu erhöhen.
Begründung: Da das jüngste Kind noch nicht für den Fortbestand der Familie sorgen kann, wird es geopfert wie im Märchen Hänsel & Gretel.
Weitere Beispiele:
Wenn in einer Hungersnot noch Großeltern da wären, dann würden sie sich opfern, da sie ihre Aufgabe zur Erhaltung der Art schon erfüllt haben. Man sieht dies häufig im Tierreich, dort verlassen z.B. Elefanten die Herde zum Sterben, damit sie nicht zur Last für die gesamte Herde werden.

Vorgehen:

  1. Der Verletzte beschreibt die Situation bzw. das Verhalten des Verursachers möglichst objektiv – ohne Vorwurf.
  2. Der Verletzte beschreibt und zeigt sein Körpergefühl, d.h. sein Leid – ohne Interpretation. „Mein Bauch tat weh, ich hatte Herzrasen, …“
  3. Der Verursacher erkennt das Körpergefühl, das Leid an, indem er selber mitfühlt und folgendes aus einer aufrichtigen Haltung heraus sagt: „Es tut mir Leid, dass bei Dir/Ihnen diese verletzten Gefühle entstanden sind, das war nicht meine Absicht.“ Dadurch löst sich die Verletzung/ das Leid auf.
  4. Der Verursacher spricht nicht über sein Verhalten oder seine für ihn positive Absicht hinter dem Verhalten, da dies meistens als Rechtfertigung ankommt.
  5. Der Verursacher nimmt, wenn noch nötig, die Wut des Verletzten.
Beruflich:
In einer Vertriebsorganisation ist eine Stelle als Vertriebsleiter intern zu besetzen. Dabei wird nicht der Mitarbeiter mit der längsten Betriebszugehörigkeit berücksichtigt, sondern sein weniger erfahrener Kollege. Der Chef spricht mit dem dienstälteren Mitarbeiter und erklärt ihm, dass er ihn mit seinen Kompetenzen und seinem Wissen schätzt, jedoch dem Jüngeren mehr Führungskompetenz zutrautund diesen deshalb befördern will. Der Chef fragt den Dienstälteren, ob das für ihn in Ordnung ist. Wenn dieser „ja“ sagt, nicht „nein“ oder „jein“, dann kann der Vorgesetzte dafür sorgen, dass ein Ausgleich über einen Firmenwagen oder ein schöneres Büro erfolgt. Sagt der dienstältere Mitarbeiter nicht klar „ja“, dann sollte die Führungskraft von der Beförderung des anderen absehen. Ansonsten würde er eine Systemgesetzverletzung herbeiführen, die in eine innere Kündigung des dienstälteren Mitarbeiters münden kann.